Komme ich als Lesepatin in eine der Grundschulklassen und sehe die blitzenden Augen der Kinder, ist es auch um mich geschehen. Diese Zugewandtheit und die positive Neugier auf das, was die nächste Stunde bringen wird, berühren mich jedes Mal aufs Neue. Buch und Bastelmaterialien halte ich zunächst lieber verborgen – schließlich darf die Spannung ruhig noch ein wenig wirken.
Dieses Mal hatte ich mich – auf Wunsch einer Drittklässlerin – für etwas Herbstliches entschieden und in Christian Wunderlichs Kinderbuch „Mats und Mathilde. Eine große Freundschaft (Bd. 1)“ ein passendes Werk gefunden. Wie schön ist es, dem kleinen, höhenkranken Schwatz Mats auf seinen Abenteuern zu folgen! Ein Schwatz ist übrigens eine Mischung aus Spatz und Schwalbe – und Mats ist ein ganz besonderer Vertreter seiner Art.
Gemeinsam tauchten wir ein in seine Welt, begleiteten ihn und Mathilde auf ihren Abenteuerreisen und ließen uns von der Geschichte treiben. Es ist schon spannend zu sehen, wen das hübsche Vogelscheuchen-Mädchen für seine „Mama“ hält. In jedem Fall sucht es eine und da die Enkelin des Bauern sie erschaffen hat, muss es doch dieses Kind sein, oder? Mats meint im Brustton der Überzeugung: „Eine Mama liebt dich, egal, was für einen Unsinn du anstellst. Wenn du hinfällst und dir wehtust, dann tröstet dich deine Mama und kocht dir eine Tasse Kakao. Auf dem Spielplatz steht deine Mama unten an der Rutsche, um dich aufzufangen. Wenn du traurig bist, nimmt sie dich in die Flügel. Wenn du nicht schlafen kannst, liest sie dir eine Geschichte vor. Deine Mama sorgt immer dafür, dass du einen frischen Regenwurm zu fressen bekommst. (…) Mit einer Mama‘, sagte der Schwatz, bist du nie, nie, nie allein. Sie ist dein Zuhause.‘“ Christian Wunderlich haucht seinen Figuren ganz viel Leben ein. Er erzählt anschaulich und ansprechend. Wunderlich weiß, was eine Kinderseele hören möchte. Hinzu kommen die wirklich wunderschönen Illustrationen von Anne Hofmann, die Mats und Mathilde ein Gesicht geben und sie natürlich erscheinen lassen. Natürlich durfte auch das anschließende Basteln nicht fehlen. Aus Papptellern, buntem Tonpapier und ganz viel Fantasie entstanden kleine Kunstwerke, die noch lange an unsere gemeinsame Lesestunde erinnern werden.
Genau das liebe ich an meinem Ehrenamt als Lesepatin: Es geht längst nicht nur ums Vorlesen. Es geht um neugierige Kinderaugen, um gemeinsames Entdecken, um Geschichten, die im Kopf und manchmal auch im Herzen weiterleben. Und wenn am Ende schon die Frage kommt: „Was lesen wir beim nächsten Mal?“, weiß ich, dass die Vorfreude auf den nächsten Besuch bereits begonnen hat.
