Vom Vorlesevormittag an der Grundschule Hargesheim

Von der großen schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren weiß man, dass sie nicht nur schrieb, sondern auch alles verschlang, was ihr zwischen die Finger kam. Sie erzählte einmal, dass ihre eigene Liebe zum Lesen im Haus der Nachbarn geweckt wurde, als die ein paar Jahre ältere Edit Astrid und ihrem Bruder Gunnar vorlas: „Wir saßen dort auf dem Boden, mein Bruder und ich, und lauschten, wie sie die wunderbare Geschichte von dem Riesen Bam-Bam und der Fee Viribunda vorlas. Ja, dass wir nicht auf der Stelle gestorben sind! In diesem Moment erwachte in mir der Lesehunger, und mit der ganzen Ungeduld einer Vierjährigen starrte ich auf diese seltsamen schwarzen Kritzeleien, die Edit entziffern konnte, ich aber nicht, und die plötzlich durch irgendeinen seltsamen Zauber die ganze Küche mit Feen, Riesen und Zaubereien füllen konnten.“ Ähnlich erging es unlängst vermutlich auch den Kindern an der Grundschule Hargesheim, denn ein besonderer Vormittag voller Geschichten, Fantasie und auch Gemeinschaft bot eine gelungene Abwechslung zum „normalen“ Alltag. Ob es der Riese Bam-Bam und die Fee Viribunda wie bei Astrid Lindgren waren, erscheint eher unwahrscheinlich, dafür aber zogen andere magische Wesen in die Schulräume ein und begegneten dort den Mädchen und Jungen der Klassenstufen 1 bis 4. Nicht allein Zuhören und Lesen standen im Fokus, sondern auch Kreativität, Austausch und das Miteinander der gesamten Schulgemeinschaft. Zu Beginn hatten alle das Schullied gesungen und somit ein hörbares Signal gesetzt für die Reise in spannende und fremde Bücherwelten. Schon im Vorfeld hatten sich die Kinder für „ihre“ Lieblingsgeschichten einwählen können. Die Gruppen wurden danach jahrgangsgemischt zusammengestellt, was zur Folge hatte, dass jedes Kind die Gelegenheit eingeräumt bekam, mit jüngeren wie auch älteren Mitschülern Zeit zu verbringen, voneinander zu lernen und neue Kontakte zu knüpfen. Natürlich geht nicht jeder gleichermaßen mutig in eine solche Doppelstunde, zusammen aber durfte man Stärke erfahren und Zutrauen in das eigene Tun. Sowohl die Pädagoginnen als auch Astrid Pflügl, Marita Raude-Gockel und Lesepatin Claudia Römer hatten sich auf jeweils zwei unterschiedliche Gruppen vorbereitet und mit ihnen gestalteten sie dann den Vormittag. Engagiert und mit viel Liebe zum Detail waren alle unterwegs, beseelt von der Aufgabe, den Kindern einen unvergesslichen Vormittag zu schenken und die eigene Liebe zum Buch und zum Lesen auch an sie weiterzureichen.

Ausgewählt hatte man so beliebte Kinder- und Jugendbücher wie „Der magische Blumenladen“ (Gina Mayer), „Der war’s“ (Juli Zeh und Elisa Hoven), „Lippel, träumst du schon wieder!“ (Paul Maar), „Wo die wilden Kerle wohnen“ (Maurice Sendak), „Kiezkinder. Wir mischen mit! Der Geheimplatz“ (Milena Susanne Bartels), „Mondmaus“, „Lino Veneziano“ (Andreas Hüging), „Freunde“ (Helme Heine), „Harry Potter und der Stein der Weisen“ (Joanne K. Rowling) und „Abrakadabra“(Mascha Kaléko). Die Geschichten, so unterschiedlich sie auch waren oder gerade deswegen, sorgten für allerlei Spannung, Abenteuer-Feeling und viele leuchtende Augen. Doch damit nicht genug: Passend zu den Büchern wurden im Anschluss leckere Sandwiches kreiert, Blumentöpfchen bunt bemalt oder Hunde aus Klopapierrollen erstellt. Sie alle waren mit großer Begeisterung gebastelt worden und so durfte jedes Kind – außer den Erinnerungen an einen außergewöhnlichen Schulvormittag – etwas Schönes mit nach Hause nehmen, etwas, das bleiben wird. Solche Vorleseaktionen sind für Kinder vor großer Wichtigkeit. Geschichten fördern nicht allein die Sprachentwicklung und Fantasie, sondern stärken auch die Konzentration und die Freude am geschriebenen Wort. Gerade in einer Zeit, in der digitale Medien oft den Alltag bestimmen, schafft gemeinsames Lesen kostbare Momente der Ruhe, Aufmerksamkeit und Begegnung. Besonders wertvoll war zudem das jahrgangsübergreifende Arbeiten. Die Kinder konnten erleben, wie gut Gemeinschaft funktioniert: Die Älteren unterstützten die Jüngeren, sie zeigten ihnen den Weg, gemeinsam lachte, bastelte und hörte man zu. Dadurch lassen sich soziale Erfahrungen sammeln, die im „normalen“ Schulleben oft zu kurz kommen.

Kein Wunder also, dass die Stimmen zu diesem wundervollen Projekt rundum positiv ausfielen:

Die Kinder äußerten sich wie folgt: „Es war cool, weil wir kreativ sein konnten!“, „Die Geschichten waren spannend, lustig und aufregend!“, „Ich fand die Geschichten voll gut. Man durfte eigene Sachen machen, wie z.B. etwas basteln oder ein Sandwich zubereiten und essen!“, „Wir durften Verstecke erfinden. Das war toll!“, „Cool war, dass wir nicht nur gelesen haben!“ und „Wir hatten ein sau-aufregendes Buch!“

Die Lehrerinnen stimmten in diesen Chor der Zufriedenen ein: „Ich fand es einen gelungenen Tag heute. Es hat Spaß gemacht. Die Kinder meiner Klasse waren auch begeistert. Alle Projekte, an denen sie teilgenommen haben, fanden sie toll. Alle waren neugierig auf das, was andere von ihren Projekten erzählt haben!“, „Ich finde die Durchmischung der Klassenstufen toll. Daraus ergeben sich viele neue Anregungen und Austauschmöglichkeiten!“, „Ich fand es auch sehr gelungen. Die Gruppen haben sich gut gefunden und Ideen ausgetauscht!“, „So etwas müssen wir öfter machen!“, „Ich fand den Tag auch toll. Die Kinder haben sich so schön unterhalten und ausgetauscht. Es war eine gelungene Abwechslung zum ,normalen‘ Schulalltag und hat heute eine schöne Stimmung und Leichtigkeit versprüht!“, „Der Vorlesetag hat mir wieder einmal aufgezeigt, dass Kinder immer noch Interesse am Vorlesen haben, man muss sich nur die Zeit dazu nehmen!“ (Astrid Pflügl), „Mit der Geschichte ,Abrakadabra‘ von Mascha Kaléko sind die Kinder eingetaucht in die Welt eines europäischen Viertels in New York City. Und mit dem Schüler Pete erlebten sie, sich aus einer fantastischen Lügengeschichte zu befreien!“ (Marita Raude-Gockel) und „Es sind einfach diese strahlenden Gesichter, dieses Kichern am Rande oder das gespannte Zuhören, was mir stets aufs Neue zeigt, welch eine Bereicherung das (Vorl-)Lesen für Klein und Groß darstellt. In solchen Augenblicken wachsen wir zusammen, es gibt kein Ich oder Du, nur ein Wir, ein unglaublich kostbares Erlebnis!“ (Claudia Römer).